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Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Phlebologie

AWMF-Leitlinien-Register   Nr. 037/005               Entwicklungsstufe:   1  

Phlebologischer Kompressionsverband (PKV)

Definition

Der phlebologische Kompressionsverband (PKV) ist in der Therapie phlebologischer und lymphologischer Erkrankungen unverzichtbar. Die in die Binde eingearbeiteten elastischen Fäden geben ihr komprimierende Eigenschaften, so dass ein Verband einen gleichmäßigen Druck auf die Extremität ausübt; er bewirkt eine Reduzierung des Querschnitts der Venen, eine Beschleunigung des venösen Rückstroms und verbessert die Funktion der Venenklappen. Die Anwendung des Verbandes erfordert spezielle Kenntnisse und Erfahrungen sowohl hinsichtlich Diagnose, Differentialdiagnose und Kontraindikationen als auch in der Technik des Anlegens. Der PKV kann als Wechsel- wie auch als Dauerverband konzipiert werden. Ein Wechselverband wird täglich neu angelegt und in der Regel nicht über Nacht belassen. Demgegenüber verbleibt der Dauerverband über einen längeren Zeitraum, meist über mehrere Tage, auch über Nacht. Der phlebologische Kompressionsverband schließt mindestens ein großes Gelenk mit ein.

Qualitäten

2.1. Bindentypen

Es werden wiederverwendbare elastische Materialien, wie die sog. Idealdbinde (eine baumwollelastische Kurzzugbinde nach DIN 61631) und die dauerelastische Binde (aus Natur- und Kunstfasern bestehend), die beide kohäsiv (auf sich selbst haftend) sein können, von den nicht mehr verwendbaren Materialien, wie die adhäsive (klebende) Binde und die kaum elastische Zinkleimbinde, unterschieden.

2.2. Materialien

Die Kompressionsbinden haben in ungedehntem Zustand eine Materialstärke von 0,561,19 mm und sind aus Polyamid, Elastan, Baumwolle, Elastodien und Viskose in unterschiedlicher Zusammensetzung gefertigt.

2.3. Bindenbreiten und Bindenlängen

Die Binden werden in der Regel in den Breiten 6, 8, 10, 12 cm und in den Längen 5, 6, 7 m angeboten.

2.4. Verträglichkeit

Zur Verträglichkeit des PKV liegen keine Untersuchungen vor. Eine Allergie als Urtikaria

(Soforttypallergie) oder als Kontaktekzem (Spättypallergie) auf Polyamid, Elastan,

Baumwolle oder Viskose ist sicherlich extrem selten. Häufiger kommt eine Allergie auf Latex oder Gummiinhaltsstoffe vor, die durch elastodienhaltige Kompressionsbinden oder durch mit Latex beschichtete kohäsive Binden verursacht wird.

Das Tragen eines PKV sollte die hautphysiologischen Bedingungen hinsichtlich des pHWertes nicht verändern.

In der letzten Zeit werden zunehmend auch farbige Binden angeboten. Wegen der hohen Allergisierungsquote fordert das Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin den Verzicht auf die Farbstoffe Dispersionsblau 1, 35, 106, Dispersionsgelb 3, Dispersionsorange 3, 3/76 und Dispersionsrot.

Im April 1997 trat die 5. Verordnung zur Änderung der Bedarfsgegenstandsverordnung in Kraft: Es dürfen die Azofarbstoffe, die krebserregende Amine (sog. Arylamine) abspalten, nicht mehr enthalten sein. Die Verwendung von Chrom-IV-Verbindungen und gewisse Flammschutzmittel ist untersagt.

2.5. Kennzeichnung

Bei den wiederverwendbaren Binden sollten Hersteller, Produktname, Hauptinhaltsstoffe,

Länge (ungedehnt), Breite (ungedehnt), Wasch- und Pflegesymbole an der Binde selbst dauerhaft gekennzeichnet sein. Bei nicht wiederverwendbaren Binden sollten die Informationen auf der Verpackung verzeichnet sein.

2.6. Elastizität

Die im Handel angebotenen Binden sind vorwiegend längselastisch gefertigt und werden je nach dem Ausmaß ihrer maximalen möglichen Dehnung durch den Anwender in vier Klassen eingeteilt: bis 30% Ultrakurz, 40-90% Kurzzug, 100-130% Mittelzug und 150- 200% Langzug.

Einige Binden sind sowohl längs- als auch querelastisch gearbeitet. Die Kenntnis der Querelastizität ist insofern von Interesse, als mit unterschiedlichen Längs- auch differente Querdehnungen einhergehen. Ein mit zweizugelastischen Binden angelegter PKV "sitzt" erfahrungsgemäß besser als der mit längselastischen gewickelte und entfaltet möglicherweise eine größere Wirksamkeit.

2.7. Haltbarkeit

Die wieder verwendbaren Kompressionsbinden sollten mindestens bis zu 15mal gewaschen (gekocht, dampfsterilisiert, chemisch sterilisiert) werden können, bevor ihre Elastizität spürbar nachzulassen beginnt.

Andruckwerte und Druckverlauf des PKV: Der Andruck des Verbandes ist von mehreren Faktoren abhängig, und zwar von: 

Bindenvordehnung ,Bindentyp,Bindenbreite,Bindenelastizität,Bindenzugkraftabfall (Relaxation)Anzahl der Bindentouren,Verbandstechnik,Bindenfeuchtigkeitsaufnahme,Bindenpflege,Extremitätenzirkumferenz,Extremitätenkonfiguration

Nach Anlegen eines PKV sollte der Druck von distal nach proximal abnehmen.

Normen :Für sog. Idealbinden existiert die Norm DIN 61632. Die dauerelastischen Binden unterliegen keiner Norm, und eine solche ist auch nicht in Planung.

Verbandstechniken:Es gibt eine Vielzahl von individuellen Verbandstechniken, meist mit Eigennamen belegt, die genaue Angaben zur Vorgehensweise machen. Unabhängig hiervon sollten folgende wesentliche Prinzipien beim Anlegen eines Kompressionsverbandes am Bein beachtet werden:Das Sprunggelenk sollte rechtwinkelig positioniert sein.Die Ferse wird miteingebunden.  ebenso die Zehengrundgelenke. Der Unterschenkelkompressionsverband (zwei Binden) wird zum Fibulaköpfchen, der Oberschenkelkompressionsverband bis zum proximalen Oberschenkel ausgeführt.Der Druck des Verbandes nimmt von distal nach proximal ab. Der Verband darf weder Druckstellen, Schnürfurchen noch Schmerz verursachen.  Das Material des PKV und die Anlegetechnik müssen sich nach den Erfordernissen. der jeweiligen Krankheit richten.Analoges gilt für die obere Extremität.

Indikationen:Varikose;Varikose, primär und sekundär  Varizen in der Schwangerschaft  die Sklerosierungstherapie unterstützend  nach venenchirurgischen Eingriffen;Thromboembolie,Thrombophlebitis (superfiziell) sowie Zustand nach abgeheilter Phlebitis  tiefe Beinvenenthrombose  Zustand nach Thrombose;Postthrombotisches Syndrom;Thromboseprophylaxe ;Chronische Veneninsuffizienz (CVI);CVI der Stadien I bis III nach Widmer bzw. C1S bis C6 nach CEAP;Ulkusprävention;Leitveneninsuffizienz;Angiodysplasie;Ödeme;Lymphödeme;Ödeme in der Schwangerschaft  posttraumatische Ödeme  zyklisch idiopathische Ödeme;Lipödeme ab Stadium II;Stauungszustände infolge Immobilitäten (arthrogenes Stauungssyndrom, Paresen und Teilparesen der Extremität)

Kontraindikationen absolute:  fortgeschrittene periphere arterielle Verschlusskrankheit;dekompensierte Herzinsuffizienz;Phlegmasia coerulea dolens ;relative:schwere Sensibilitätsstörungen der Extremitäten;fortgeschrittene periphere Neuropathie (z.B. bei Diabetes mellitus)  Unverträglichkeit auf Bindenmaterial;noch kompensierte periphere arterielle Verschlusskrankheit.

Risiken und Nebenwirkungen:Unsachgemäßes Bandagieren (zu hohe Drücke) verursacht Schmerzen und kann Gewebsnekrosen und Druckschäden auf periphere Nerven, vor allem an Knochenvorsprüngen, zur Folge haben.
Pflege:Die Pflege der Binde ist wichtig, da sie ihre Qualität und damit ihre therapeutische Wirksamkeit beeinflusst. Binden sind weitgehend unempfindlich gegen Fette, Öle und Cremes. Nur gummihaltige Binden werden durch diese Stoffe geschädigt, mit der Folge sich verringernder Elastizität. Es empfiehlt sich, die Binden häufig zu waschen, da Schweiß und Schmutz das Material angreifen. Im übrigen wird auf die Wasch- und Pflegehinweise der Hersteller verwiesen.

Wirksamkeit:Folgende Indikationen sind durch wenige randomisierte kontrollierte Studien belegt:

Welchen Effekt hat der PKV auf das venöse Ulkus?Cordts et al. und Rubin et al. registrierten eine signifikant schnellere Ulkusabheilung mit Zinkleimverbänden als mit Wundauflagen. Im Vergleich zum medizinischen Kompressionsstrumpf war aber der Zinkleimverband weniger effektiv. Einige Autoren stellten Vergleiche zwischen dem Vier-Lagen-Verband und dem mit Kurzzugbinden gewickelten. Während Partsch et al., Scriven et al., Wilkinsson et al. keinen signifikanten Unterschied in der Abheilungsrate sehen, berichten Taylor et al. und Ukat et al. über einen größeren Effekt des Vier-Lagen-Verbandes. In einigen Studien wird der Effekt von Kurzzug- und Langzugbinden ermittelt. Nach Danielsson et al., Gould et al. bringen Langzugbinden das Ulkus schneller zur Abheilung; in einer weiteren Studie von Gould wird allerdings kein signifikanter Unterschied festgestellt.Meyer et al. verglichen die Wirkung eines Zinkleimverbandes mit der eines Zinkleimverbandes plus eines PKV. Sie konnten zeigen, dass der zusätzlich verabreichte PKV keine schnellere Ulkusheilung bewirkt. Im Vergleich des PKV mit dem medizinischen Kompressionsstrumpf führt letzterer zur schnelleren Abheilung (Horakova et al.).

Welchen Effekt hat der PKV auf das Lymphödem?

Ein PKV mit Kurzzugbinden führt sowohl beim Arm- (Johannson et al.) wie auch beim Beinlymphödem zu einer signifikanten Reduktion des Volumens (Badger et al).

 

Welchen Effekt hat der PKV nach Operation größerer Venen?

Der PKV mit Kurzzugbinden nach Operation führt zur deutlichen Reduktion von z.B.

Hämatomen und Pigmentierungen, aber auch von Symptomen wie Schweregefühl (Rodrigues et al., Bond et al.).

Zur physiologischen Wirkungsweise sei auf die Leitlinie: Ulcus cruris venosum verwiesen.

Literatur

Badger CMA, Peacock JL, Mortimer PP: A Randomized, Controlled, Parallel-Group Clinical Trial. Comparing Multilayer Bandaging Followed by Hosiery versus Hosiery alone in the Treatment of Patients with lymphedema of the limb. Cancer 88, 2832-2837, 2000  Batch AJ, Wickremsinghe SS, Gannon ME et al.: Randomised trial of bandaging after sclerotherapy for varicose veins. Br. Med. J. 281, 423, 1980 

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Cordts PR, Hanrahan LM, Rodriguez AA et al.: A prospective, randomized trial of Unna's boot versus Duoderm CGF hydroactive dressing plus compression in the management of venous leg ulcers. J. Vasc. Surg. 15, 480-486, 1992 

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Gould DJ, Campbell S, Newton H et al.: Setopress vs. Elastocrepe in chronic venous ulceration. Br. J. Nurs. 7, 66-73, 1998 

Harper DR, Ruckley CV, Dale JJ et al.: Prevention of recurrence of chronic leg ulcer: A randomised trial of different degress of compression. Phlebologie '92: RaymondMartimbeau P, Prescott M, Zummo M (Eds.). John Libbey Eurotext Paris 1992, pp. 902- 903 

Hendricks WM, Roger T, Swallow T et al.: Management of stasis leg ulcers with Unna's boots versus elastic support stockings. J. Am. Acad. Dermatol. 12, 90-98, 1985  Horakova MA, Partsch H: Ulceres De Jambe D'Origine veineuse: Indications Pour les Bas de Compression? Phlébologie 47, 53-57, 1994 

Johannson K, Albertsson M, Ingvar C et al.: Effects of Compression Bandaging with or without Manual Lymph Drainage Treatment in Patients with postoperative Arm Lymphedema. Lymphology 32, 103-110, 1999 

Meyer FJ, Burnand KG, Lagatolla RF et al.: Randomized clinical trial comparing the efficacy of two bandaging regimes in the treatment of venous leg ulcers. Br. J. Surg. 89, 40-44, 2002 

Partsch H, Damstra RJ, Tazelaar DJ et al.: Multicentre, randomised controlled trial of forlayer bandaging versus short-stretch bandaging in the treatment of venous leg ulcers. Vasa 30, 108-113, 2001 

Raj TB, Makin GS: A random controlled trial of two forms of compression bandaging in outpatient sclerotherapy of varicose veins. J. Surg. Res. 31, 440-445, 1981 

Rodrigus I, Bleyn J: For how long do we have to advise elastic support after varicose vein surgery? A prospective randomized study. Phlebology 6, 95-98, 1991 

Rubin JR, Alexander J, Placha EJ et al.: Unna's Boot vs. Polyurethane Foam Dressings for the Treatment of venous Ulceration. Arch. Surg. 125, 489-490, 1990 

Scriven JM, Bell PRF, Taylor LE et al.: A prospective randomised trial of four-layer versus short stretch compression bandages for the treatment of venous leg ulcers. J.R. Coll. Surg. England 80, 215-220, 1998 

Taylor A, Taylor R, Marcuson R: Comparative Healing Rates and lost of Conventional and Four-Layer Treatment of venous Ulcers. Phlebology 10, 85, 1995 

Taylor AD, Taylor RJ, Marcuson RW et al.: Prospective comparison of Healing Rates and Therapy Costs for Conventional and Four-Layer-High-Compression Bandaging Treatments of Venous Leg Ulcers. Phlebology 13, 20-24, 1998 

Ukat A, Konig M, Vanscheidt W et al.: Short-stretch versus multilayer compression for venous leg ulcers: a comparison of healing rates. J. Wound Care 12, 139-143, 2003  Wilkinson E, Buttfied R, Cooper C et al.: Trial of two bandaging systems for chronic venous leg ulcers. J. Wound Care 6, 339-340, 1997

Verfahren zur Konsensbildung:Diese Leitlinie wurde im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Phlebologie (DGP) www.phlebology.de ausgearbeitet und vom Vorstand und dem Wissenschaftlichen Beirat der DGP am 16. Juni 1996 verabschiedet. Diese Leitlinie berücksichtigt den aktuellen Stand der Literatur, jedoch nicht die in jedem Land unterschiedlichen Zulassungsbestimmungen für verschiedene Pharmaka.

Autoren: V. Wienert; F. Waldermann, M. Zabel, E. Rabe, M. Jünger

Korrespondenzadresse: Dr. med. Georg Gallenkemper

Gemeinschaftspraxis für Gefäßmedizin

Neue Linner Straße 86

47799 Krefeld Tel.: 02151 / 56987-0 Fax: 02151 / 56987-29

Erstellungsdatum: 16. Juni 1996 Letzte Überarbeitung: 5. Mai 2004